Übermorgen

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Übermorgen

26.03.2026
von Matthias Schloderer

Im Jahr 1979 schrieb der österreichische Liedermacher Georg Danzer (1946–2007) das Lied DIE FREIHEIT. Er besingt darin einen Sommertag im Zoo. Vor einem Käfig hängt ein Schild: „Nicht füttern und bitte auch nicht reizen, da sehr wild.“ Das lyrische Ich fragt einen Wärter, wie das Tier in dem Käfig denn heiße. Antwort: „Das ist die Freiheit.“ Dann entgegnet der Ich-Erzähler, dass im Käfig aber nichts zu sehen sei. Darauf der Wärter: „Das ist ja gerade der Gag: Man sperrt sie ein und augenblicklich ist sie weg.“ Und weiter: „Die Freiheit ist ein wundersames Tier / Und manche Menschen haben Angst vor ihr / Doch hinter Gitterstäben geht sie ein / Denn nur in Freiheit kann die Freiheit Freiheit sein.“

Die Kunstfreiheit in Deutschland ist ein hohes Gut und in Art. 5 Abs. 3 des Grundgesetzes verankert. Natürlich unterliegt diese Freiheit finanziellen Schranken, ob schon in Art. 140 der Bayerischen Verfassung sogar eine besondere Förderpflicht für die Kunst festgeschrieben ist. Bei gegebenen Rahmenbedingungen – finanziell, personell, kapazitär – ist es also nicht nur ein hehres Ziel, sondern Anspruch und Auftrag, die Kunstfreiheit auszuschöpfen, sie zu fördern und zu leben. Der Weg zum Staatstheater hat uns mehr Freiheiten als vorher verschafft, Freiheiten für mehr Reichweite, für mehr Diskurs, für bessere Produktionsbedingungen. Diese Möglichkeiten wollen und werden wir nutzen.

Wer uns kennt, weiß, dass wir diese Freiheit nicht als Freibrief für den leichtfertigen Umgang mit Fördermitteln interpretieren. Unsere Produktionsbudgets sind weiterhin sparsam und deutlich unterdurchschnittlich im Vergleich zu anderen Staatstheatern – und das bei einem Output, der sich sehen lassen kann: Rund 30 Neuproduktionen pro Spielzeit und regelmäßig über 700 Vorstellungen, das ist ein Wert im oberen Drittel bundesweit. Wenn wir nun in der neuen Spielzeit im Haidplatz eine Neuproduktion weniger als bisher ansetzen, geschieht dies aus Gründen der Nachhaltigkeit: In den vergangenen beiden Spielzeiten haben wir uns dort über fast durchgängig 100 % Auslastung gefreut, haben somit insbesondere Schauspielproduktionen abgespielt, die aufgrund der großen Nachfrage noch gar nicht alle Interessierten sehen konnten. Nun können die Produktionen am Haidplatz häufiger gezeigt werden, ehe sie durch eine Nachfolgeproduktion ersetzt werden. Apropos hohe Nachfrage: Es wird gar nicht so leicht sein, dass Sie in Deutschland ein Haus finden, das sein Abonnement-Angebot derzeit ausbaut. Frühzeitiges Commitment zu Produktionen, die als Katze im Sack noch gar keine Premiere hatten, weit über fünf Theaterbesuche im Schnitt pro Spielzeit? In Regensburg werden Sie fündig. Während wir in der Corona-Krise auf rund 4.500 Aboplätze zurückfallen mussten, haben wir in der laufenden Spielzeit mit großem Schwung die Marke von 5.600 verkauften Aboplätzen übertroffen und führen daher zur kommenden Spielzeit eine zusätzliche Abo-Serie, das Abo „Musiktheater pur 2“, ein. Das verschafft auch Ihnen neue Freiheiten: mehr Auswahl.

Für die Freiheiten, die wir zur Ausübung unserer Kunst benötigen, werden wir uns weiter mit Verve im aktiven Diskurs einsetzen. Nicht zuletzt aufgrund unserer Reichweiten- und Auslastungserfolge bitten wir schon heute die politischen Entscheidungsträger und die Stadtgesellschaft um Verständnis für unsere Hartnäckigkeit, mit der wir weiterhin für eine rasche Fortführung der Velodrom-Sanierung werben werden. Unterließen wir dies, sägten wir – in einer wachsenden Region mit bereits heute über 2 Millionen Menschen im 60-Minuten-Umkreis unserer Spielstätten – an unserem eigenen Zukunftsast. Und nein, wir nehmen nicht nur andere in die Pflicht, sondern wissen ganz genau, dass sich das Theater an sich und somit auch wir uns als (Staats-)Theater Regensburg weiter disruptiv verändern müssen, um in der Zukunft zu bestehen.

 © Tom Neumeier Leather

In anderen Städten, in denen derzeit aufgrund struktureller und konjunktureller Probleme an der Kulturförderung gespart werden muss, werden nun unlösbare Aufgaben an die Häuser gestellt, nämlich diese in viel zu kurzer Zeit zu transformieren und wirtschaftlicher zu machen. Wir sind am Theater in Regensburg derzeit in einer guten Situation. Gerade deshalb war es vor fünf Jahren die richtige Entscheidung, die Transformation des Hauses in eine moderne, zukunftsfähige Organisation zu beginnen und nun weiter fortzusetzen, in guten Zeiten also an übermorgen zu denken. Wandel ist etwas Natürliches und ein evolutionsbiologisches Prinzip: mitwachsen und verändern – oder verschwinden. Wandel deutet sich frühzeitig durch Reibung an – und ganz ehrlich: Die Transformation eines Kulturtankers wie das Theater Regensburg erfordert erhebliche Energiereserven und Körner im Tank! Denn wir sind originär da, um Kunst zu betreiben, nicht um neue Organisationsformen zu erfinden. Jedoch: Der Druck von außen nimmt zu – auf finanzieller, politischer und gesellschaftlicher Ebene – und wir tun gut daran, uns für zunehmende Legitimationsdebatten zu rüsten. Wir am Theater arbeiten nicht „9 to 5“, sondern proben vormittags und abends, nach der Premiere ist immer gleich vor den nächsten Premieren, sprich: so richtig viel Zeit, den Betrieb kurz mal anzuhalten und sich mit uns selbst zu beschäftigen, um uns dann strukturiert zu transformieren, haben wir nicht. Das macht Transformation anstrengend und strapaziert die Nerven nicht weniger Beteiligter. Dass sich dieser Einsatz parallel zum Spielbetrieb lohnt, zeigt unser abteilungsübergreifendes Projekt „Übermorgen“, in dem wir aktuell digitale Kommunikations- und Beteiligungsformate entwickeln, um über kulturbegeisterte Meinungsführer*innen zentrale zusätzliche Personengruppen für das Theater zu begeistern. Denn klar ist: Wir müssen unsere Strukturen weiter digitalisieren, nachhaltiger arbeiten und ein Top-Arbeitgeber bleiben. Denn diese Transformation schafft wiederum neue Freiheiten – bzw. um bei Georg Danzer zu bleiben, sie schafft es, die Gitterstäbe unserer Möglichkeiten aufzubrechen, auch wenn für das Aufbrechen einiges an Kraft und Geduld erforderlich ist.

13 Jahre vor Georg Danzers DIE FREIHEIT, im Jahr 1966, formulierte Heinrich Böll (1917–1985) anlässlich der Eröffnung des Wuppertaler Schauspielhauses: „Kunst ist Freiheit; es kann ihr einer die Freiheit nehmen, sich zu zeigen – Freiheit geben, kann ihr keiner; kein Staat, keine Stadt, keine Gesellschaft kann sich etwas darauf einbilden, ihr das zu geben oder gegeben zu haben, was sie von Natur aus ist: frei.“ Sein folgendes Fazit ist ein Imperativ: „Die Kunst muss zu weit gehen, um herauszufinden, wie weit sie gehen darf.“

Auf der Bühne werden Meinungen verhandelt – und das sollen möglichst viele Menschen mitbekommen. Die verhandelten Meinungen müssen nicht gefallen, es ist sogar gut so, wenn sie es nicht automatisch tun, denn so wirkt der Besuch nach und führt zu einer eigenen, reflektierten Meinung, zu einer neuen Haltung, wie diese in unserem demokratischen Wertesystem ein unschätzbarer Bestandteil ist. Der Präsident des Deutschen Bühnenvereins, Carsten Brosda, betont: „Gesellschaftliche Konflikte lassen sich erfahrungsgemäß nicht durch Vorgaben beenden. Dadurch verändert niemand seine Meinung. Wer einen Konsens verbreitern und festigen will, braucht Diskurse und kommunikative Auseinandersetzung. Wir müssen uns öffentlich und diskursiv einlassen – auch und gerade auf die Inhalte künstlerischer Produktionen. Wenn es denen nämlich gelingt, uns in unseren Gewissheiten zu erschüttern, auch indem sie im Sinne Bölls mal zu weit gehen, hätten wir einiges zu gewinnen. Dann könnten wir nämlich mal wieder in der Sache streiten und nicht nur darüber, wer das Recht hat, welche Position in der Öffentlichkeit zu beziehen.“

Lassen Sie uns gemeinsam streiten und die Freiheiten dafür in vollen Zügen ausnutzen. Und wie schön wäre es, wenn wir uns darauf einlassen, dass wir uns dabei immer wieder neu erfinden. Dann steht einer gesunden, freien Zukunft morgen und übermorgen nichts im Wege.

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