Sonderveranstaltung
Musikalische Lesung „Ich wand’re durch Theresienstadt …“
Mit Roman Knižka und dem Bläserquintett OPUS 45
Einführung und Moderation des Nachgesprächs: Kathrin Liebhäuser
Ehrengast: Ernst Grube, Zeitzeuge
Im Jahr 1941 errichtete die SS in der böhmischen Garnisonsstadt Terezín das Lager Theresienstadt. Bis 1945 diente es als Gefängnis und Durchgangslager für rund 150.000 jüdische Menschen aus Deutschland, Österreich, der Tschechoslowakei sowie später auch aus den Niederlanden und Dänemark. Etwa jede vierte der in Theresienstadt inhaftierten Jüdinnen und Juden starb bereits dort an Hunger, Krankheit und den katastrophalen Lebensbedingungen. Von den fast 15.000 Kindern, die dorthin deportiert wurden, überlebten weniger als 200. Für viele war Theresienstadt ein „Vorhof der Hölle“ – die letzte Station vor der Deportation in Vernichtungslager wie Auschwitz-Birkenau.
Umso erstaunlicher erscheint rückblickend, dass sich inmitten von Zwangsarbeit, Hunger, Krankheit und ständiger Todesangst ein intensives kulturelles Leben entwickelte. Von den Inhaftierten selbst organisiert, gab es Vorträge, Theater- und Opernaufführungen, Kabarett, Jazzkonzerte und zahlreiche Kammermusikabende. Über fünfzig Mal wurde allein die Kinderoper Brundibár des deutsch-tschechischen Komponisten Hans Krása aufgeführt. Kinder und Jugendliche wirkten dabei auf und hinter der Bühne mit – als Sängerinnen und Sänger, Musiker oder Bühnenbildner. Für viele junge Menschen wurde die künstlerische Arbeit zu einem Moment der Selbstbehauptung und Hoffnung. Gedichte, Tagebücher und Zeichnungen aus dem Lager dokumentieren eindrucksvoll die Kreativität und den Lebenswillen der jungen Gefangenen.
Die Nationalsozialisten missbrauchten diese kulturellen Aktivitäten später zynisch für Propagandazwecke und präsentierten Theresienstadt der Weltöffentlichkeit als angebliches „Musterlager“.
Die musikalische Lesung „Ich wand’re durch Theresienstadt …“ erinnert an das unfassbare Leid, die Hoffnungen und die künstlerische Selbstbehauptung der in Theresienstadt inhaftierten Menschen. Ein besonderes Augenmerk gilt dabei den Schicksalen junger Gefangener. Der Schauspieler Roman Knižka liest aus Erinnerungen und Texten von Ruth Klüger, Zvi Cohen, Leo Strauss, Jana Renée Friesová, Helga Hošková-Weissová, Hannelore Brenner-Wonschick und Gerty Spies. Auch Gedichte und Texte von Kindern und Jugendlichen aus Theresienstadt sowie Lyrik der Schriftstellerin und Kinderkrankenschwester Ilse Weber kommen zu Gehör.
Die musikalische Gestaltung übernimmt das Bläserquintett OPUS 45, bestehend aus Musiker der Hamburgischen Staatsoper, der Dresdner Philharmonie, dem Beethoven Orchester Bonn und der NDR Radiophilharmonie Hannover. Das Ensemble spielt Werke von Komponisten, die selbst in Theresienstadt inhaftiert waren und später von den Nationalsozialisten ermordet wurden, darunter Pavel Haas, Hans Krása, Viktor Ullmann und Gideon Klein. Ihre Musik gehört heute zu den eindrucksvollsten Zeugnissen künstlerischer Selbstbehauptung im Angesicht von Verfolgung und Vernichtung.
Ein besonderer Gast des Abends ist der Theresienstadt-Überlebende Ernst Grube, der heute in Regensburg lebt. Der 1932 in München geborene Sohn einer jüdischen Mutter wurde 1945 als Kind nach Theresienstadt deportiert und erlebte dort die letzten Kriegsmonate. In der jungen Bundesrepublik wurde er wegen seines politischen Engagements erneut verhaftet. Seit Jahrzehnten spricht Ernst Grube vor allem an Schulen über seine Erfahrungen und setzt sich unermüdlich für Erinnerungskultur, Demokratie und Menschenrechte ein. Für dieses außergewöhnliche Engagement wurde er vielfach ausgezeichnet. Im Anschluss an die Veranstaltung berichtet Ernst Grube über seine Zeit im Lager, moderiert von der Dramaturgin des Programms, Kathrin Liebhäuser.
Die musikalische Lesung verbindet historische Dokumente, literarische Zeugnisse und Musik aus Theresienstadt zu einem eindringlichen Erinnerungsabend – und würdigt die Stimmen derjenigen, die trotz Verfolgung und existenzieller Bedrohung an Menschlichkeit, Kunst und Hoffnung festhielten.
6–26 €
Einführung 18.00 Uhr
Nachgespräch im Anschluss